Wenn ein letzter Wunsch Wirklichkeit wird

Manchmal sind es genau die kleinen Dinge, die im Leben am meisten bedeuten.
Und wenn jemand nur noch wenig Zeit hat, können genau diese kleinen Dinge zu den wichtigsten Momenten werden.

Ein solches Ehrenamt habe ich selbst erlebt – nämlich als ehrenamtliche Wunscherfüllerin für den Wünschewagen des ASB Hamburg. Dieses Projekt bringt Menschen in der letzten Lebensphase an Orte, die ihnen am Herzen liegen – und macht Wünsche wahr, die sonst vielleicht nie erfüllbar wären.

Was ist ein Ehrenamt der Wunscherfüllung?

Ein Ehrenamt der Wunscherfüllung bedeutet, Menschen in ihren letzten Lebenswochen oder -monaten ein einmaliges Erlebnis zu schenken.
Es geht nicht um große Geschenke oder materialistische Dinge, sondern um Erinnerungen, Nähe und Lebensqualität in einer Zeit, in der jeder Moment zählt.

Beim ASB Wünschewagen begleiten qualifizierte Ehrenamtliche und Fachkräfte Menschen auf Wunschfahrten zu besonderen Orten – sei es ein Hafen, eine Alsterrunde oder ein Blick auf die Elbphilharmonie. Die Fahrten sind kostenfrei und werden so organisiert, dass sie auch medizinisch-pflegerisch begleitet werden.

Eine Wunschfahrt, die bleibt

Der Wünschewagen des ASB Hamburg ist seit Oktober 2017 auf den Straßen der Hansestadt unterwegs, um Menschen in ihrer letzten Lebensphase an ihre Wunschziele zu bringen.
Kostenlos – und begleitet von zwei qualifizierten, ehrenamtlichen Helferinnen oder Helfern, die die Fahrgäste medizinisch-pflegerisch versorgen.

Seit 2018 unterstütze auch ich den ASB Wünschewagen Hamburg im Organisationsteam. In einem zweitägigen Einführungsseminar lernen wir Teilnehmenden von vielen Wünschen, die bereits erfüllt werden konnten. Wir beschäftigen uns intensiv mit Trauerbewältigung und mit dem Umgang mit schwerstkranken Menschen.
Seitdem ist viel passiert – und die Projekte des Wünschewagens wachsen stetig weiter.

Eine Wunschfahrt im Juli 2020

Am 20. Juli 2020 darf ich als stadtkundige Wunscherfüllerin gemeinsam mit zwei weiteren ehrenamtlichen Kolleginnen einen schwer kranken Mann begleiten.

Seine Wünsche sind klar und zugleich ganz schlicht:

Einmal noch zum Hafen oder an die Alster.
Oder noch einmal zur Elbphilharmonie.
Und einmal noch Fisch essen.

Es gibt viele Wünsche, die man erfüllen kann.
Und wenn nicht mehr viel Zeit bleibt, muss es manchmal schnell gehen. Innerhalb einer Woche wird diese Fahrt organisiert. Selbst am Tag der Wunschfahrt gibt es noch Änderungen im Ablauf – denn im Ehrenamt kommt vieles anders als geplant. Zeitweise steht die Fahrt sogar auf der Kippe.

Unterwegs durch seine Stadt

Zwei Stunden später als vereinbart brechen wir schließlich in Richtung Blankenese auf.
Vorne am Steuer sitzt meine Kollegin, Sanitäterin. Neben ihr eine Kollegin aus der Pflege – beide Stammbesatzung auf dem Wünschewagen. Ich nehme hinten beim Fahrgast Platz.

Einmal noch den Strand von Blankenese sehen.

Als wir dort ankommen, sagt er leise:

„Hier habe ich immer gebadet. Es war so eine schöne Zeit.“

Entlang der Elbe fahren wir weiter zum Fischmarkt. Ich erfahre viel über sein Leben. Wir lachen über Erinnerungen, die plötzlich wieder ganz nah sind. An mehreren Orten können wir aussteigen, den Blick schweifen lassen und einfach da sein:
am Unterfeuer in Blankenese, im Museumshafen Oevelgönne, an den Landungsbrücken, später an der Alster.

An den Landungsbrücken gibt es das typische Fischbrötchen. Gestärkt geht es weiter zur Elbphilharmonie. Mit Maske, Rollstuhl und einer extra Genehmigung besuchen wir die Plaza.
Ein 180-Grad-Blick auf 37 Metern Höhe.

Für den Wahl-Hamburger ein überwältigender Moment:
seine Stadt, sein Hafen, seine Elbe – alles zum Greifen nah.

Ein Wunsch mehr als geplant

Benommen von den vielen Eindrücken wird der Wünschewagen kurz umgebaut. Aus einem Sitz wird eine gesicherte Liege, auf der unser Fahrgast entspannen kann. Wir fahren noch einmal um die Alster herum.

Als wir an der Imam-Ali-Moschee vorbeikommen, beginnt er zu träumen.

„Da wollte ich immer schon einmal rein. Ich habe es aber nie geschafft.“

Spontan versuchen wir, einen Besuch möglich zu machen – trotz Maske, trotz nicht ganz moscheetauglicher Kleidung. Wir haben Glück und treffen auf den Imam, der uns freundlich an die Hand nimmt. Wir dürfen sogar mit in den Gebetsraum. Er erklärt uns die Rituale.

Unser Fahrgast kann sein Glück kaum fassen.

Doch nach all den Eindrücken lässt die Kraft langsam nach. Wir verabschieden uns dankbar von diesem besonderen Ort.
Zum Abschied wird unser Fahrgast vom Imam gesegnet.

Was bleibt

Ich habe an diesem Tag viele Glücksmomente erleben dürfen und bin ganz beseelt.

Am Ende der Fahrt sagt unser Fahrgast zu mir:

„Danke. Ich habe heute viel von Ihnen gelernt. Bitte vergessen Sie mich nicht.“

Wie könnte ich das?
Ich denke noch oft an ihn. Ich weiß nicht, wie es ihm heute geht.
Aber ich weiß, dass sein Wunsch erfüllt wurde – von „seinen drei Engeln“, wie er uns drei Ehrenamtlerinnen genannt hat.

Und manchmal ist genau das genug.

Nachtrag: Ca. zwei Wochen später ist unser Fahrgast verstorben, aber bis zu seinem Tod hatte er immer wieder von dieser Fahrt berichtet.

Eine weitere Wunschfahrt – Dezember 2024

Am 9. Dezember 2024 durfte ich eine weitere besondere Wunschfahrt mit dem ASB Wünschewagen begleiten.
Dieses Mal ging es um die Frage:

Was bleibt im Leben einer 102-jährigen Hamburgerin?

Frau D., geboren 1922, eine echte Hamburger Deern, hatte einen klaren Wunsch:
noch einmal in die Stadt – und zum Weihnachtsmarkt.

Gemeinsam mit Kathy aus dem Rettungsdienst und Marc aus der Altenpflege machten wir uns auf den Weg, um ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

Ein Leben voller Wege und Erinnerungen

Frau D. hat in ihrem langen Leben viel erlebt.
Sie erzählte von den Schrecken des Krieges, der sie einst aus ihrer Wohnung vertrieb.
Von ihrer Arbeit als Buchhalterin am Neuen Wall.
Und von den Wegen, die sie Tag für Tag zu Fuß ging.

Jeden Morgen lief sie von Hamm bis zum Jungfernstieg.
Und abends den gleichen Weg zurück.

Diese Wege durch Hamburg haben sie geprägt – ebenso wie die Höhen und Tiefen ihres Lebens: Verluste, Neuanfänge, Reisen mit ihrem Mann und eine tiefe Verbundenheit zu ihrer Stadt.

Da hatten wir noch Reichsmark“, sagte sie mit einem leisen Lächeln, während sie Erinnerungen teilte.
Ja, vieles hat sich verändert. Das wusste sie sehr genau.

Und doch war da so viel, was geblieben ist.

Kleine Szenen, die bleiben

Ihre Augen leuchteten, wenn sie Kinder sah.
Wenn sie Orte wiedererkannte.
Oder wenn die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt aufleuchtete.

Sie erinnerte sich sogar noch sehr genau an eine Kollegin aus früheren Zeiten,
die im Café Hübner in der Poststraße Kuchenstücke „kaufte“,
ohne den Bäckerlehrling dafür zu bezahlen.

Die war sehr speziell!“, sagte sie –
und wir mussten alle schmunzeln.

Ein Weihnachtsmarkt, ein Wunsch, ein Moment

In der Hafencity bewunderte Frau D. den großen Weihnachtsbaum.
Sie beobachtete Kinder, die tanzten und lachten.
Unter einer kuscheligen Sternendecke trank sie ein paar Schlucke süßen Kinderpunsch –
trotz des kalten, windigen Wetters.

Ihr größter Wunsch an diesem Tag:

Schmalzgebäck mit Puderzucker.

Es war gar nicht so leicht, einen Stand zu finden.
Crêpes scheinen heute deutlich beliebter zu sein.
Doch am Ende wurden wir fündig – am Neuen Wall.

Und manchmal ist genau das ein Glücksmoment.

Was bleibt nach 102 Jahren?

Diese Fahrt hat mich tief berührt.
Frau D. hat mir gezeigt, wie wertvoll Erinnerungen sind.

Es sind oft nicht die großen Dinge, die bleiben.
Sondern die kleinen:

ein Lieblingsgericht,
das Licht eines Weihnachtsbaums,
die Wege, die man einst zu Fuß gegangen ist.

Was bleibt also nach 102 Jahren?

Liebe.
Dankbarkeit.
Und die Gewissheit, dass die Erinnerungen an ein reiches Leben nicht verblassen.

Nähe schaffen in besonderen Momenten

Was mir an diesem Tag besonders aufgefallen ist:
Es ging nicht nur um Orte – es ging um Menschlichkeit, Verbindung und Erinnerung.

Bei einem spontanen Besuch an der Imam-Ali-Moschee durften wir sogar in den Gebetsraum. Der Imam segnete unseren Fahrgast, ein Moment voller Tiefe, Respekt und Verbundenheit.

Solche Augenblicke lassen spüren, wie wichtig es ist, Menschen dort abzuholen, wo sie gerade sind – mit ihren Sehnsüchten, Erfahrungen und ihrer Lebensgeschichte.

Rituale, Abschiedsmomente und bewusste Handlungen geben Halt – unabhängig davon, ob sie im Rahmen einer Trauerfeier oder einer Wunschfahrt entstehen.

Warum Ehrenamt der Wunscherfüllung so wichtig ist

Ehrenamtliche Wunscherfüllung bedeutet mehr als „nur eine Fahrt“ oder „ein letzter Wunsch“ – sie schenkt:

  • Lebensqualität in der Endphase
  • Erinnerungen, die bleiben
  • Gemeinschaft und Nähe
  • Sinn und Würde für alle Beteiligten

Solche Angebote gibt es nicht nur in Hamburg oder Deutschland: Ähnliche Projekte wie der Ambulance Wish Foundation in den Niederlanden oder Wunschfahrten in anderen Regionen zeigen, dass dieser Ansatz international Bedeutung gewinnt. Diese Initiativen helfen Menschen, bis zuletzt wertvolle Momente zu erleben.

Ehrenamt – ein Geschenk für alle

Ein Ehrenamt bedeutet, Zeit, Präsenz und Aufmerksamkeit zu schenken – ohne Gegenleistung und ohne Erwartung.

Gerade in der Begleitung von schwerkranken oder sterbenden Menschen schaffen Ehrenamtliche Räume für Nähe, Sicherheit und Würde. In Hospizen, Palliativstationen oder mobilen Projekten wie dem Wünschewagen wirken Ehrenamtliche als Stütze und als Brücke zu besonderen Momenten.

Es ist nicht nur der Fahrgast, der profitiert – oft berichten auch Begleiterinnen und Begleiter, wie sehr sie selbst durch diese Begegnungen wachsen, neue Perspektiven gewinnen und ihre eigene Lebenssicht bereichern.

Ein Blick, ein Lächeln, ein Moment

Solche Momente bleiben im Herzen.
Sie zeigen, worum es im Ehrenamt der Wunscherfüllung wirklich geht:
nicht um einen Dienst,
nicht um Organisation,
sondern um Menschlichkeit.

Ein Ehrenamt der Wunscherfüllung ist kein Dienst – sondern ein menschlicher Dienst am Leben an seinem Ende.

Trauerrednerin Hamburg Martina Darkow
Trauerrednerin Hamburg Martina Darkow

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Ich bin Martina Darkow, freie Rednerin aus Hamburg und begleite Menschen beim Abschiednehmen und gestalte Trauerfeiern mit Worten, die tragen, erinnern und verbinden.

Als freie Rednerin bin ich in bedeutenden Momenten des Lebens da – bei Abschieden, Lebensfeiern und auch bei Hochzeitsreden.
Mit Ruhe, Klarheit und Einfühlungsvermögen schaffe ich Raum für Erinnerung, Würde und persönliche Geschichten.

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